Präsentismus beschreibt das Phänomen, dass Arbeitnehmer trotz Krankheit oder gesundheitlicher Einschränkungen zur Arbeit erscheinen. Dieses Verhalten ist in Deutschland weit verbreitet, und oft getrieben durch Angst vor Arbeitsplatzverlust, übertriebene Loyalität oder eine stark ausgeprägte Anwesenheitskultur im Unternehmen. Präsentismus wird sowohl durch äußeren Druck als auch eigene Überzeugungen wie Pflichtbewusstsein des Mitarbeiters verstärkt.
Durch die Anwesenheit werden Fehlzeiten vermieden, welche als Schwäche oder mangelndes Engagement interpretiert werden könnten. Neben der Angst vor Stigmatisierung und Befürchtungen die Kontrolle am Arbeitsplatz zu verlieren [1], fürchten viele Arbeitnehmer, dass Krankmeldungen ganz unmittelbare negative Konsequenzen wie schlechte Beurteilungen, geringere Chancen auf Vertragsverlängerung oder Beförderung, oder sogar Kündigungen nach sich ziehen könnten. Insbesondere Arbeitnehmer in prekären Arbeitsverhältnissen empfinden Druck, ihre Anwesenheit zu demonstrieren, selbst wenn sie nicht voll leistungsfähig sind.
Eine Umfrage aus dem Herbst 2022, zeigte, dass viele Menschen in Deutschland trotz Krankheit zur Arbeit geht – selbst während der Corona-Pandemie, also einer Zeit, in der das Bewusstsein für Ansteckungsrisiken generell besonders hoch war. Dies verdeutlicht, wie tief verwurzelt die Anwesenheitskultur in Deutschland ist. [2]
Tatsächlich bewerten viele Unternehmen ihre Mitarbeiter noch immer implizit oder explizit nach ihrer physischen Präsenz. Selbst in Zeiten der weiten Verbreitung von Arbeit im Home Office wird Anwesenheit oft gleichgesetzt mit Produktivität, obwohl dies in der Realität nicht immer zutrifft. [3]
Loyale Arbeitnehmer empfinden darüber hinaus ohnehin oft ein starkes Pflichtgefühl gegenüber Kollegen oder Vorgesetzten. Sie möchten ihr Team nicht im Stich lassen, insbesondere in Branchen mit hohem Arbeitsaufkommen, wie der Pflege oder dem Einzelhandel. [4] Tatsächlich wenden überforderte Chefs dieses psychische Druckmittel in ihrer eigenen Hilflosigkeit oft ganz bewusst an, wenn sie den Mitarbeiter kurzfristig auffordern mal wieder eine Extraschicht zu übernehmen und nebenbei anmerken man solle die Kollegen „nicht hängen lassen“.
Arbeitnehmer, die trotz Krankheit arbeiten, riskieren allerdings eine Verschlimmerung ihrer Gesundheit. Chronische Erkrankungen wie Rückenschmerzen oder psychische Probleme wie Burnout können sich verschärfen, wenn keine ausreichende Erholung stattfindet. [3] Laut dem DGB-Index Gute Arbeit führt Präsentismus letztlich häufig zu einer Verlängerung von Krankheitszeiten, da Arbeitnehmer ihre Beschwerden nicht richtig auskurieren. [5] Außerdem kann der Druck, trotz Krankheit zu arbeiten, zu erhöhtem Stress, Angstzuständen und einem Gefühl der Überforderung führen. Dies verstärkt das Risiko für psychische Erkrankungen wie Depressionen. Arbeitnehmer, die sich keine Pause gönnen, vernachlässigen oft ihre persönlichen Bedürfnisse und sozialen Beziehungen, was langfristig ihre Lebensqualität beeinträchtigt.
Kranke Arbeitnehmer sind im allgemeinen weniger leistungsfähig, machen mehr Fehler und arbeiten langsamer. Studien zeigen, dass die Kosten durch Präsentismus die Kosten durch Absentismus (Fehlzeiten) durchaus übersteigen können. [5] Insbesondere bei leicht übertragbaren Infektionskrankheiten wie Grippe/ Corona besteht zudem die Gefahr, dass Kollegen angesteckt werden. Dies kann zu einem Dominoeffekt führen, bei dem in der Folge ganze Teams ausfallen. In gefährlichen Arbeitsumgebungen, wie Baustellen oder Fabriken mit schweren Maschinen, kann die eingeschränkte Reaktionsfähigkeit kranker Mitarbeiter zu Unfällen führen, die sowohl für den Arbeitnehmer als auch für Kollegen gefährlich sind.
Eine Arbeitskultur, die Präsentismus fördert, signalisiert außerdem mangelndes Vertrauen in die Mitarbeiter und kann die Arbeitsmoral sowie die Mitarbeiterbindung langfristig senken. Eine geringe Mitarbeiterbindung und in der Folge hohe Fluktuation ist allerdings gerade in Bereichen wie z.B. der Pflege bereits ohnehin ein großes Problem.
Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene führen chronische Erkrankungen, die durch Präsentismus verschlimmert werden, zu höheren Gesundheitskosten. Krankenhäuser und Ärzte müssen mehr Ressourcen für die Behandlung von Folgeerkrankungen aufwenden. Darüber hinaus leidet die gesamtwirtschaftliche Produktivität, wenn Arbeitnehmer aufgrund von Präsentismus langfristig ausfallen. Einer Studie des DGB zufolge führt Präsentismus zu einem erheblichen Verlust an Arbeitsleistung, der die Wirtschaft belastet. [5]
Eine Gesellschaft, die Präsentismus toleriert oder fördert, riskiert, ungesunde Arbeitswerte zu verinnerlichen, bei denen die Gesundheit hinter der Arbeit zurücksteht. Dies kann langfristig zu einem Anstieg von Burnout und anderen psychischen Erkrankungen führen.
Während Arbeitnehmer durch gesundheitliche Verschlechterung und psychischen Stress leiden, verlieren Arbeitgeber an Produktivität und tragen zur Verbreitung von Krankheiten bei. Auf gesellschaftlicher Ebene führt Präsentismus zu höheren Gesundheitskosten und einer Normalisierung ungesunder Arbeitswerte.
Maßnahmen zur Reduzierung von Präsentismus müssten auf mehreren Ebenen ansetzen: Auf individueller Ebene sollten Arbeitnehmer ihre Gesundheit priorisieren und Krankmeldungen als legitimes Mittel zur Erholung nutzen. Dies erfordert jedoch ein Umdenken, da viele Beschäftigte Krankmeldungen mit Schuldgefühlen oder Angst vor Stigmatisierung verbinden. Auf Unternehmensebene empfiehlt sich die Förderung einer gesundheitsorientierten Unternehmenskultur. Führungskräfte sollten durch Vorbildfunktion zeigen, dass Krankmeldungen akzeptiert werden, und klare Signale senden, dass Gesundheit wichtiger ist als sture Anwesenheit. Ein Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) kann durch Präventionsprogramme, Stressbewältigungskurse oder Gesundheitschecks helfen eine gesunde Betriebskultur zu etablieren. Wo möglich können flexible Arbeitsmodelle wie Homeoffice zudem den Druck verringern, trotz Krankheit im Betrieb anwesend zu sein. Auf gesellschaftlicher Ebene ist eine stärkere Sensibilisierung für die Risiken von Präsentismus ratsam. Öffentliche Kampagnen, wie sie während der Corona-Pandemie teilweise umgesetzt wurden, könnten das Bewusstsein für die Bedeutung von Gesundheit und Erholung schärfen.
Stand: Juli 2025
[1] https://www.zeit.de/arbeit/2019-12/praesentismus-arbeitnehmer-krankheit-gefahren-arbeitspsychologe
[2] https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/mehrheit-der-deutschen-geht-trotz-krankheit-zur-arbeit-auch-mit-corona-a-faea0d64-ec42-468f-91f2-1edd6b7b354b
[3] http://www.zeit.de/campus/2014/01/unternehmen-anwesenheit-arbeitszeit
[4] https://www.haufe.de/arbeitsschutz/gesundheit-umwelt/praesentismus-krank-und-trotzdem-bei-der-arbeit_94_431268.html
[5] http://index-gute-arbeit.dgb.de/++co++b124ac3a-eb5c-11e5-9482-52540023ef1a
Von der Techniker Krankenkasse zusammen mit dem Institut für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG) erarbeitete und im Jahr 2021 veröffentlichte Beschäftigtenstudie „How's work? Was Beschäftigte in Deutschland bewegt und belastet“
https://www.tk.de/resource/blob/2143236/e7a6b3beba55964a56d7072f374a5e78/dossier-praesentismus-data.pdf
Tags: Krankheit Arbeitsunfähigkeit Fehltage Arbeitsplatz Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM)
Durch die Anwesenheit werden Fehlzeiten vermieden, welche als Schwäche oder mangelndes Engagement interpretiert werden könnten. Neben der Angst vor Stigmatisierung und Befürchtungen die Kontrolle am Arbeitsplatz zu verlieren [1], fürchten viele Arbeitnehmer, dass Krankmeldungen ganz unmittelbare negative Konsequenzen wie schlechte Beurteilungen, geringere Chancen auf Vertragsverlängerung oder Beförderung, oder sogar Kündigungen nach sich ziehen könnten. Insbesondere Arbeitnehmer in prekären Arbeitsverhältnissen empfinden Druck, ihre Anwesenheit zu demonstrieren, selbst wenn sie nicht voll leistungsfähig sind.
Eine Umfrage aus dem Herbst 2022, zeigte, dass viele Menschen in Deutschland trotz Krankheit zur Arbeit geht – selbst während der Corona-Pandemie, also einer Zeit, in der das Bewusstsein für Ansteckungsrisiken generell besonders hoch war. Dies verdeutlicht, wie tief verwurzelt die Anwesenheitskultur in Deutschland ist. [2]
Tatsächlich bewerten viele Unternehmen ihre Mitarbeiter noch immer implizit oder explizit nach ihrer physischen Präsenz. Selbst in Zeiten der weiten Verbreitung von Arbeit im Home Office wird Anwesenheit oft gleichgesetzt mit Produktivität, obwohl dies in der Realität nicht immer zutrifft. [3]
Loyale Arbeitnehmer empfinden darüber hinaus ohnehin oft ein starkes Pflichtgefühl gegenüber Kollegen oder Vorgesetzten. Sie möchten ihr Team nicht im Stich lassen, insbesondere in Branchen mit hohem Arbeitsaufkommen, wie der Pflege oder dem Einzelhandel. [4] Tatsächlich wenden überforderte Chefs dieses psychische Druckmittel in ihrer eigenen Hilflosigkeit oft ganz bewusst an, wenn sie den Mitarbeiter kurzfristig auffordern mal wieder eine Extraschicht zu übernehmen und nebenbei anmerken man solle die Kollegen „nicht hängen lassen“.
Arbeitnehmer, die trotz Krankheit arbeiten, riskieren allerdings eine Verschlimmerung ihrer Gesundheit. Chronische Erkrankungen wie Rückenschmerzen oder psychische Probleme wie Burnout können sich verschärfen, wenn keine ausreichende Erholung stattfindet. [3] Laut dem DGB-Index Gute Arbeit führt Präsentismus letztlich häufig zu einer Verlängerung von Krankheitszeiten, da Arbeitnehmer ihre Beschwerden nicht richtig auskurieren. [5] Außerdem kann der Druck, trotz Krankheit zu arbeiten, zu erhöhtem Stress, Angstzuständen und einem Gefühl der Überforderung führen. Dies verstärkt das Risiko für psychische Erkrankungen wie Depressionen. Arbeitnehmer, die sich keine Pause gönnen, vernachlässigen oft ihre persönlichen Bedürfnisse und sozialen Beziehungen, was langfristig ihre Lebensqualität beeinträchtigt.
Kranke Arbeitnehmer sind im allgemeinen weniger leistungsfähig, machen mehr Fehler und arbeiten langsamer. Studien zeigen, dass die Kosten durch Präsentismus die Kosten durch Absentismus (Fehlzeiten) durchaus übersteigen können. [5] Insbesondere bei leicht übertragbaren Infektionskrankheiten wie Grippe/ Corona besteht zudem die Gefahr, dass Kollegen angesteckt werden. Dies kann zu einem Dominoeffekt führen, bei dem in der Folge ganze Teams ausfallen. In gefährlichen Arbeitsumgebungen, wie Baustellen oder Fabriken mit schweren Maschinen, kann die eingeschränkte Reaktionsfähigkeit kranker Mitarbeiter zu Unfällen führen, die sowohl für den Arbeitnehmer als auch für Kollegen gefährlich sind.
Eine Arbeitskultur, die Präsentismus fördert, signalisiert außerdem mangelndes Vertrauen in die Mitarbeiter und kann die Arbeitsmoral sowie die Mitarbeiterbindung langfristig senken. Eine geringe Mitarbeiterbindung und in der Folge hohe Fluktuation ist allerdings gerade in Bereichen wie z.B. der Pflege bereits ohnehin ein großes Problem.
Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene führen chronische Erkrankungen, die durch Präsentismus verschlimmert werden, zu höheren Gesundheitskosten. Krankenhäuser und Ärzte müssen mehr Ressourcen für die Behandlung von Folgeerkrankungen aufwenden. Darüber hinaus leidet die gesamtwirtschaftliche Produktivität, wenn Arbeitnehmer aufgrund von Präsentismus langfristig ausfallen. Einer Studie des DGB zufolge führt Präsentismus zu einem erheblichen Verlust an Arbeitsleistung, der die Wirtschaft belastet. [5]
Eine Gesellschaft, die Präsentismus toleriert oder fördert, riskiert, ungesunde Arbeitswerte zu verinnerlichen, bei denen die Gesundheit hinter der Arbeit zurücksteht. Dies kann langfristig zu einem Anstieg von Burnout und anderen psychischen Erkrankungen führen.
Während Arbeitnehmer durch gesundheitliche Verschlechterung und psychischen Stress leiden, verlieren Arbeitgeber an Produktivität und tragen zur Verbreitung von Krankheiten bei. Auf gesellschaftlicher Ebene führt Präsentismus zu höheren Gesundheitskosten und einer Normalisierung ungesunder Arbeitswerte.
Maßnahmen zur Reduzierung von Präsentismus müssten auf mehreren Ebenen ansetzen: Auf individueller Ebene sollten Arbeitnehmer ihre Gesundheit priorisieren und Krankmeldungen als legitimes Mittel zur Erholung nutzen. Dies erfordert jedoch ein Umdenken, da viele Beschäftigte Krankmeldungen mit Schuldgefühlen oder Angst vor Stigmatisierung verbinden. Auf Unternehmensebene empfiehlt sich die Förderung einer gesundheitsorientierten Unternehmenskultur. Führungskräfte sollten durch Vorbildfunktion zeigen, dass Krankmeldungen akzeptiert werden, und klare Signale senden, dass Gesundheit wichtiger ist als sture Anwesenheit. Ein Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) kann durch Präventionsprogramme, Stressbewältigungskurse oder Gesundheitschecks helfen eine gesunde Betriebskultur zu etablieren. Wo möglich können flexible Arbeitsmodelle wie Homeoffice zudem den Druck verringern, trotz Krankheit im Betrieb anwesend zu sein. Auf gesellschaftlicher Ebene ist eine stärkere Sensibilisierung für die Risiken von Präsentismus ratsam. Öffentliche Kampagnen, wie sie während der Corona-Pandemie teilweise umgesetzt wurden, könnten das Bewusstsein für die Bedeutung von Gesundheit und Erholung schärfen.
Stand: Juli 2025
[1] https://www.zeit.de/arbeit/2019-12/praesentismus-arbeitnehmer-krankheit-gefahren-arbeitspsychologe
[2] https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/mehrheit-der-deutschen-geht-trotz-krankheit-zur-arbeit-auch-mit-corona-a-faea0d64-ec42-468f-91f2-1edd6b7b354b
[3] http://www.zeit.de/campus/2014/01/unternehmen-anwesenheit-arbeitszeit
[4] https://www.haufe.de/arbeitsschutz/gesundheit-umwelt/praesentismus-krank-und-trotzdem-bei-der-arbeit_94_431268.html
[5] http://index-gute-arbeit.dgb.de/++co++b124ac3a-eb5c-11e5-9482-52540023ef1a
Von der Techniker Krankenkasse zusammen mit dem Institut für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG) erarbeitete und im Jahr 2021 veröffentlichte Beschäftigtenstudie „How's work? Was Beschäftigte in Deutschland bewegt und belastet“
https://www.tk.de/resource/blob/2143236/e7a6b3beba55964a56d7072f374a5e78/dossier-praesentismus-data.pdf
Tags: Krankheit Arbeitsunfähigkeit Fehltage Arbeitsplatz Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM)