Kinderarmut ist in Industrieländern relative, materielle Armut, da existenzgefährdende, absolute Armut in hoch industrialisierten Gesellschaften sehr selten ist. Kinder gelten als arm, wenn sie in Haushalten leben, deren Einkommen unterhalb einer relativen Armutsgrenze liegt. Durch unterschiedliche Definition der Armutsgrenze, sowie der Art der Berechnung von Kinderarmut ergeben sich unterschiedliche Armutsquoten, so dass die Vergleichbarkeit von verschiedenen Quellen nicht immer gegeben ist.
In Deutschland leben rund 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Haushalten, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben, was einer Quote von etwa 19 Prozent entspricht. Diese Zahl hat sich unabhängig von der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland in den letzten Jahren insgesamt kaum verändert. Aktuell wird sie durch den Zuzug von Flüchtlingsfamilien tendenziell erhöht, während die Armut bei etablierten Haushalten eher rückläufig ist.
Kinderarmut reicht weit über rein finanzielle Engpässe hinaus und wurzelt in instabilen familiären Strukturen, mangelnder Bildung der Eltern und hoher Arbeitslosigkeit bzw. prekärer Beschäftigung. 85 Prozent der betroffenen Haushalte hängen von niedrig qualifizierten Jobs oder Minijobs ab, was zu einer Spirale der Armut führt: So erhalten Geringverdiener z.B. häufig teurere Stromtarife und Kredite aufgrund negativer Schufa-Einträge und greifen in ihrer Not oft auch auf Dispokredite mit hohen Zinsen zurück anstatt günstigere Ratenkredite zu nutzen. Dysfunktionale Familienverhältnisse mit Suchtproblemen, Missbrauch oder genereller Regellosigkeit verschärfen die Situation. Die Eltern sind aufgrund eigener Probleme oftmals schlicht unfähig die Bedürfnisse ihrer Kinder zu decken.
Die unmittelbaren Folgen der prekären Verhältnisse sind für betroffene Kinder gravierend und betreffen nicht nur die Bildung, sondern auch ihre Gesundheit und soziale Teilhabe. Bereits mit sechs Jahren zeigen Kinder aus armen Familien Konzentrationsschwächen, sind häufiger übergewichtig und krank, sprechen und zählen schlechter als Gleichaltrige. Mangelndes Ernährungswissen und frühe Konditionierung auf Junk Food führt zu einer Vorliebe für billige und ungesunde Fertigprodukte.
Bereits im Grundschulalter gewinnt Armut subjektiv an Relevanz. Kinder aus armen Familien können am gesellschaftlichen Alltag oftmals nur begrenzt teilnehmen, da sie aus finanziellen Gründen häufig in ihrer Mobilität eingeschränkt sind und Mitgliedsbeiträge für Vereine, erforderliche Ausrüstungen oder Ausflüge vielmals die finanziellen Mittel der Familie übersteigen. Jugendliche in dauerhafter Armut sind deutlich seltener in Sportvereinen oder anderen Freizeitgruppen aktiv als Gleichaltrige aus besser gestellten Familien. Von Armut betroffene Kinder müssen auf vieles verzichten, was für andere selbstverständlich ist.
Freundschaften sind im Leben von Kindern und Jugendlichen extrem wichtig. Freundschaften zu pflegen fällt Kindern aus armen Familien jedoch schwerer als anderen Kindern. Leben sie in dauerhafter Armut, haben sie häufiger einen kleineren Freundeskreis als andere. Es ist schwierig Freundschaften zu pflegen, wenn Freunde aus finanziellen Gründen nicht nach Hause eingeladen werden können, kein Geld für gemeinsame Hobbies und Freizeitaktivitäten oder ein Mobilfunkvertrag mit ausreichend Datenvolumen vorhanden ist. [1]
Kinder nehmen ihren Mangel an Ressourcen schon früh wahr. Sie fühlen sich ausgeschlossen und erleben soziale Isolation. Mit zunehmendem Alter wächst der Druck, sich an gängige Konsumnormen anzupassen, wodurch der Mangel an finanziellen Mitteln immer stärker ins Gewicht fällt. Die Reaktionen auf diese Erfahrungen sind vielfältig und erwartungsgemäß nicht immer sozialverträglich: Während viele Kinder versuchen, die Armut ihrer Familie zu verbergen oder sich zurück ziehen, versuchen andere durch aggressives Verhalten, die ihnen oft verwehrte Anerkennung zu erlangen.
Besonders von Armut betroffen sind unter anderem die Kinder Alleinerziehender: 45 Prozent dieser Kinder sind armutsgefährdet. Zudem sind mehr als ein Drittel der Familien mit drei oder mehr Kindern auf Grundsicherung angewiesen. Mittlerweile existieren in vielen Ballungsgebieten Deutschlands Quartiere, in denen sogar mehr als die Hälfte der Kinder von Leistungen wie Bürgergeld abhängt. Solche Konzentrationen, oft in Sozialwohnungsvierteln, wirken sich direkt auf den Bildungserfolg aus, da arme Nachbarschaften zu sozialer Isolation und geringerer schulischer Leistung führen. [2]
So senkt unter anderem eine hohe Zahl von Flüchtlingskinder mit mangelnden Deutschkenntnissen das Unterrichtsniveau in den Schulklassen armer Stadtviertel zusätzlich und verstärkt Benachteiligungen, da Nachhilfe für sozial schwache Familien nicht bezahlbar ist. Im weiteren Bildungsverlauf erhalten Kinder aus armen Familien seltener Empfehlungen für das Gymnasium (nur 12 von 100 im Vergleich zu 36 ohne Armutserfahrung). Die fehlende Lernumgebungen zu Hause, sowie das Desinteresse oder die Überforderung der Eltern führen zudem oft dazu, dass Kinder aus armen Familien häufiger eine Klasse wiederholen müssen. [3]
Von Armut betroffene Kinder müssen ihre Sozialisationsprozesse unter deutlich erschwerten Bedingungen meistern, was die Bewältigung typischer Entwicklungsaufgaben in Kindheit und Jugend erschwert und die Entwicklung erheblich beeinträchtigt. Dies wirkt sich langfristig aus: Im Vergleich zu besser gestellten Vergleichsgruppen erzielen arme Kinder und Jugendliche häufig schlechtere Schul- und Berufsabschlüsse, was ihre Chancen im späteren Leben einschränkt.
Die prekären Verhältnisse und deren Folgen verfestigen die Armut generationenübergreifend: Von 100 armen Kindern schaffen nur wenige den Übergang zu einer qualifizierten Ausbildung, was zu einer Beschäftigungsquote führt, die bis zum 24. Lebensjahr vier Prozentpunkte unter der von Kindern finanziell besser gestellten Familien liegt. Rund 1,5 Millionen junge Erwachsene zwischen 25 und 34 Jahren haben weder Abitur noch Ausbildungsabschluss - überproportional häufig stammen sie aus armutsgeprägten Haushalten.
Neben den individuellen Konsequenzen für die Betroffenen, ergibt sich auch ein gesamtgesellschaftlicher Schaden. Wirtschaftlich kostet die niedrige Beschäftigungsquote jährlich geschätzt 3,4 Prozent des BIP (über 100 Milliarden Euro) durch entgangene Steuern, höhere Sozialausgaben und insgesamt geringere Produktivität – für einen Jahrgang ohne Abschluss allein sind dies 1,5 Milliarden Euro fiskalische Belastung über 35 Jahre. [4]
Bisherige Hilfsprogramme greifen zu kurz, unter anderem weil sie fragmentiert und oft zu bürokratisch sind. Das Bildungs- und Teilhabepaket deckt Bedürfnisse einkommensschwacher Familien ebenfalls nur mangelhaft ab: Der chronische Erziehermangel in den Kitas macht die notwendige Betreuung oft unmöglich und verspätete Nachhilfe greift erst bei drohender Nichtversetzung. Die geplante Kindergrundsicherung, die bis 2025 starten sollte (und bis zu sieben Milliarden Euro kosten könnte) würde die Armut wahrscheinlich ebenfalls nicht ausreichend reduzieren da der Fokus auf Flüchtlingszuzug liegt und inländische Strukturen eher vernachlässigt.
Stand: September 2025
[1] https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/Projekte/Familie_und_Bildung/Studie_WB_Aufwachsen_in_Armutslagen_2018.pdf Seite 7
[2] https://bibliothek.wzb.eu/pdf/2018/p18-001.pdf
[3] https://www.boeckler.de/de/boeckler-impuls-armut-verbaut-bildungschancen-6547.htm
[4] https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Presse/imported/downloads/xcms_bst_dms_33661_33662_2.pdf
Studie Bundesinstitut für Berufsbildung: https://www.bibb.de/dienst/publikationen/de/9765
Bericht der Bundesregierung: https://www.armuts-und-reichtumsbericht.de/DE/Startseite/start.html
Tags: Bildung Arbeitslosigkeit Bürgergeld Mindestlohn Geringverdiener Hinzuverdienst Minijob Hartz IV Sozialhilfe Grundsicherung Steuern Humankapital Bildungsrendite Wirtschaft Übergangssystem Bildung Schule Lehrer Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) Segregation Ghetto
In Deutschland leben rund 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Haushalten, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben, was einer Quote von etwa 19 Prozent entspricht. Diese Zahl hat sich unabhängig von der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland in den letzten Jahren insgesamt kaum verändert. Aktuell wird sie durch den Zuzug von Flüchtlingsfamilien tendenziell erhöht, während die Armut bei etablierten Haushalten eher rückläufig ist.
Kinderarmut reicht weit über rein finanzielle Engpässe hinaus und wurzelt in instabilen familiären Strukturen, mangelnder Bildung der Eltern und hoher Arbeitslosigkeit bzw. prekärer Beschäftigung. 85 Prozent der betroffenen Haushalte hängen von niedrig qualifizierten Jobs oder Minijobs ab, was zu einer Spirale der Armut führt: So erhalten Geringverdiener z.B. häufig teurere Stromtarife und Kredite aufgrund negativer Schufa-Einträge und greifen in ihrer Not oft auch auf Dispokredite mit hohen Zinsen zurück anstatt günstigere Ratenkredite zu nutzen. Dysfunktionale Familienverhältnisse mit Suchtproblemen, Missbrauch oder genereller Regellosigkeit verschärfen die Situation. Die Eltern sind aufgrund eigener Probleme oftmals schlicht unfähig die Bedürfnisse ihrer Kinder zu decken.
Die unmittelbaren Folgen der prekären Verhältnisse sind für betroffene Kinder gravierend und betreffen nicht nur die Bildung, sondern auch ihre Gesundheit und soziale Teilhabe. Bereits mit sechs Jahren zeigen Kinder aus armen Familien Konzentrationsschwächen, sind häufiger übergewichtig und krank, sprechen und zählen schlechter als Gleichaltrige. Mangelndes Ernährungswissen und frühe Konditionierung auf Junk Food führt zu einer Vorliebe für billige und ungesunde Fertigprodukte.
Bereits im Grundschulalter gewinnt Armut subjektiv an Relevanz. Kinder aus armen Familien können am gesellschaftlichen Alltag oftmals nur begrenzt teilnehmen, da sie aus finanziellen Gründen häufig in ihrer Mobilität eingeschränkt sind und Mitgliedsbeiträge für Vereine, erforderliche Ausrüstungen oder Ausflüge vielmals die finanziellen Mittel der Familie übersteigen. Jugendliche in dauerhafter Armut sind deutlich seltener in Sportvereinen oder anderen Freizeitgruppen aktiv als Gleichaltrige aus besser gestellten Familien. Von Armut betroffene Kinder müssen auf vieles verzichten, was für andere selbstverständlich ist.
Freundschaften sind im Leben von Kindern und Jugendlichen extrem wichtig. Freundschaften zu pflegen fällt Kindern aus armen Familien jedoch schwerer als anderen Kindern. Leben sie in dauerhafter Armut, haben sie häufiger einen kleineren Freundeskreis als andere. Es ist schwierig Freundschaften zu pflegen, wenn Freunde aus finanziellen Gründen nicht nach Hause eingeladen werden können, kein Geld für gemeinsame Hobbies und Freizeitaktivitäten oder ein Mobilfunkvertrag mit ausreichend Datenvolumen vorhanden ist. [1]
Kinder nehmen ihren Mangel an Ressourcen schon früh wahr. Sie fühlen sich ausgeschlossen und erleben soziale Isolation. Mit zunehmendem Alter wächst der Druck, sich an gängige Konsumnormen anzupassen, wodurch der Mangel an finanziellen Mitteln immer stärker ins Gewicht fällt. Die Reaktionen auf diese Erfahrungen sind vielfältig und erwartungsgemäß nicht immer sozialverträglich: Während viele Kinder versuchen, die Armut ihrer Familie zu verbergen oder sich zurück ziehen, versuchen andere durch aggressives Verhalten, die ihnen oft verwehrte Anerkennung zu erlangen.
Besonders von Armut betroffen sind unter anderem die Kinder Alleinerziehender: 45 Prozent dieser Kinder sind armutsgefährdet. Zudem sind mehr als ein Drittel der Familien mit drei oder mehr Kindern auf Grundsicherung angewiesen. Mittlerweile existieren in vielen Ballungsgebieten Deutschlands Quartiere, in denen sogar mehr als die Hälfte der Kinder von Leistungen wie Bürgergeld abhängt. Solche Konzentrationen, oft in Sozialwohnungsvierteln, wirken sich direkt auf den Bildungserfolg aus, da arme Nachbarschaften zu sozialer Isolation und geringerer schulischer Leistung führen. [2]
So senkt unter anderem eine hohe Zahl von Flüchtlingskinder mit mangelnden Deutschkenntnissen das Unterrichtsniveau in den Schulklassen armer Stadtviertel zusätzlich und verstärkt Benachteiligungen, da Nachhilfe für sozial schwache Familien nicht bezahlbar ist. Im weiteren Bildungsverlauf erhalten Kinder aus armen Familien seltener Empfehlungen für das Gymnasium (nur 12 von 100 im Vergleich zu 36 ohne Armutserfahrung). Die fehlende Lernumgebungen zu Hause, sowie das Desinteresse oder die Überforderung der Eltern führen zudem oft dazu, dass Kinder aus armen Familien häufiger eine Klasse wiederholen müssen. [3]
Von Armut betroffene Kinder müssen ihre Sozialisationsprozesse unter deutlich erschwerten Bedingungen meistern, was die Bewältigung typischer Entwicklungsaufgaben in Kindheit und Jugend erschwert und die Entwicklung erheblich beeinträchtigt. Dies wirkt sich langfristig aus: Im Vergleich zu besser gestellten Vergleichsgruppen erzielen arme Kinder und Jugendliche häufig schlechtere Schul- und Berufsabschlüsse, was ihre Chancen im späteren Leben einschränkt.
Die prekären Verhältnisse und deren Folgen verfestigen die Armut generationenübergreifend: Von 100 armen Kindern schaffen nur wenige den Übergang zu einer qualifizierten Ausbildung, was zu einer Beschäftigungsquote führt, die bis zum 24. Lebensjahr vier Prozentpunkte unter der von Kindern finanziell besser gestellten Familien liegt. Rund 1,5 Millionen junge Erwachsene zwischen 25 und 34 Jahren haben weder Abitur noch Ausbildungsabschluss - überproportional häufig stammen sie aus armutsgeprägten Haushalten.
Neben den individuellen Konsequenzen für die Betroffenen, ergibt sich auch ein gesamtgesellschaftlicher Schaden. Wirtschaftlich kostet die niedrige Beschäftigungsquote jährlich geschätzt 3,4 Prozent des BIP (über 100 Milliarden Euro) durch entgangene Steuern, höhere Sozialausgaben und insgesamt geringere Produktivität – für einen Jahrgang ohne Abschluss allein sind dies 1,5 Milliarden Euro fiskalische Belastung über 35 Jahre. [4]
Bisherige Hilfsprogramme greifen zu kurz, unter anderem weil sie fragmentiert und oft zu bürokratisch sind. Das Bildungs- und Teilhabepaket deckt Bedürfnisse einkommensschwacher Familien ebenfalls nur mangelhaft ab: Der chronische Erziehermangel in den Kitas macht die notwendige Betreuung oft unmöglich und verspätete Nachhilfe greift erst bei drohender Nichtversetzung. Die geplante Kindergrundsicherung, die bis 2025 starten sollte (und bis zu sieben Milliarden Euro kosten könnte) würde die Armut wahrscheinlich ebenfalls nicht ausreichend reduzieren da der Fokus auf Flüchtlingszuzug liegt und inländische Strukturen eher vernachlässigt.
Stand: September 2025
[1] https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/Projekte/Familie_und_Bildung/Studie_WB_Aufwachsen_in_Armutslagen_2018.pdf Seite 7
[2] https://bibliothek.wzb.eu/pdf/2018/p18-001.pdf
[3] https://www.boeckler.de/de/boeckler-impuls-armut-verbaut-bildungschancen-6547.htm
[4] https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Presse/imported/downloads/xcms_bst_dms_33661_33662_2.pdf
Studie Bundesinstitut für Berufsbildung: https://www.bibb.de/dienst/publikationen/de/9765
Bericht der Bundesregierung: https://www.armuts-und-reichtumsbericht.de/DE/Startseite/start.html
Tags: Bildung Arbeitslosigkeit Bürgergeld Mindestlohn Geringverdiener Hinzuverdienst Minijob Hartz IV Sozialhilfe Grundsicherung Steuern Humankapital Bildungsrendite Wirtschaft Übergangssystem Bildung Schule Lehrer Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) Segregation Ghetto